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Botschafter Christoph Bundscherer zum Tag der Deutschen Einheit

Christoph Bundscherer

Christoph Bundscherer, © Botschaft Managua

30.09.2020 - Artikel

Ohne Freiheit gibt es keinen Frieden

Vor genau 30 Jahren, am 3. Oktober 1990, vereinigten sich die Deutschen im Osten unseres Landes mit den Westdeutschen – nach über vier Jahrzehnten unfreiwilliger Teilung. Ein Jahr zuvor war es den Ostdeutschen gelungen, die Berliner Mauer einzureißen und auf friedlichem Wege die Freiheit zu erlangen. Der Kalte Krieg war zu Ende, die Welt hatte sich verändert, und die Ideen der Freiheit verbreiteten sich erneut. Frischer Wind wehte über den Osten unseres Kontinents. Der Schriftsteller Stefan Heym sagte damals: „Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen.“

Und noch heute zitieren wir, was Michail Gorbatschow zu dem ostdeutschen  Machthaber Erich Honecker sagte: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Heute würde Gorbatschow diesen Satz wohl auch Aljaksandr Lukaschenka zurufen, dem letzten Diktator Europas, der nicht nur gegen sein eigenes Volk kämpft, sondern auch gegen den Lauf der Geschichte. In Europa hat vor 30 Jahren die Freiheit gesiegt, für Diktatoren gibt es bei uns keinen Platz mehr.

„Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ – mit diesen Worten beginnt die deutsche Nationalhymne. Auch die Europäische Union steht für die Werte „Einigkeit, Recht und Freiheit“, und diese Werte müssen täglich neu verteidigt werden. Die Corona-Pandemie, die Staatsschuldenkrise, die Migrationskrise, aber auch die rechtsstaatlichen Entwicklungen in einigen Mitgliedsstaaten stellen dieses Europa immer wieder vor neue Herausforderungen.

Ohne Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, die Freiheit, politische Parteien zu gründen, eine unabhängige Justiz und freie Wahlen gibt es keinen Frieden. Denn die Einheit eines Volkes lässt sich nur in einem freien, toleranten Land erhalten. Verzichten wir auf Intoleranz, Exklusion und Hassrede! Auch wer eine andere Meinung vertritt, ist ein Mensch, und so müssen wir ihn behandeln. Nur eine Gesellschaft, die die Vielfalt der Meinungen toleriert, hat eine friedliche Zukunft.

In einem Jahr, Ende 2021, ist es wieder so weit: Millionen von Wählern werden zu den Urnen strömen. In freien, fairen und international beobachteten Wahlen werden sie eine neue Regierung bestimmen: Angela Merkel hat angekündigt, nicht mehr für das Amt des Regierungschefs zu kandidieren, und so wird aus den Bundestagswahlen nach 16 Jahren auch eine Regierung unter neuer Führung hervorgehen: eine Regierung mit neuen Gesichtern und neuen Ideen, die vielleicht denjenigen Hoffnung geben wird, die mit der aktuellen Politik in Deutschland nicht zufrieden sind.

Ich freue mich schon auf diese Wahl, aber aus einem andern Grund: Eine demokratische Wahl ist spannend wie ein Fußballspiel: Man weiß bis zum Ende nicht, wer gewinnen wird! Manche sagen für die Wahl in den USA im nächsten Monat sogar Verlängerung oder Elfmeter voraus.

Bei Wahlen wie beim Fußball gilt aber auch: Wer grob Foul spielt, bekommt die Rote Karte. Nur eine Regierung, die aus einer freien, fairen und transparenten Wahl hervorgeht, genießt internationale Anerkennung. Deshalb verdient Belarus dieses Jahr keinen Pokal, und auch das Ergebnis der letzten Präsidentschaftswahlen in Venezuela haben wir nicht anerkannt. Zu einer Demokratie gehört eben auch die Möglichkeit des friedlichen Machwechsels!

Schließlich auch noch ein paar Worte zu Nicaragua, diesem wundervollen Land, das meine Familie und mich so großzügig aufgenommen hat; diesem Land, dessen Bevölkerung besonders herzlich und liebenswert ist; diesem Land, dessen Schönheit der Natur Hunderttausende Touristen in seinen Bann gezogen hat:

Es tut mir weh zu erleben, wie die Nicaraguaner gelitten haben und weiter leiden unter der sozioökonomischen Krise, und nun auch noch unter der Pandemie. Ich bewundere das nicaraguanische Volk dafür, wie es hart arbeitend täglich das Beste aus dieser schwierigen Lage macht. Ich bewundere es auch für die Disziplin, mit welcher es bisher durch die Corona-Krise gekommen ist, ohne ständig zu klagen. Ich wünschte mir, ich könnte dasselbe über Deutschland und unsere Hauptstadt Berlin sagen.

Auch das kommende Jahr, das 200. nach der Unabhängigkeit, erwartet Sie mit vielen Herausforderungen. Ich wünsche Ihnen allen, dass es möglich sein wird, friedlich und im Konsens die noch ungelösten Probleme des Landes zu bewältigen. Deutschland ist mit Nicaragua durch eine sehr lange Freundschaft verbunden, und das wird auch so bleiben. Zählen Sie auf uns, auch in schwierigen  Zeiten! Deutschland steht an Ihrer Seite!

Viva Alemania unida! Viva Nicaragua unida!

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